Herzlich willkommen auf der Homepage von Sabine Krusche.

Den Schwerpunkt ihres künstlerischen Schaffens legt die studierte Bildhauerin Sabine Krusche auf die keramischen Arbeiten. Sowohl ihre Keramikobjekte, als auch ihre Zeichnungen und Tuschebilder sind seriell angelegt, erwecken aber zugleich eine Vorstellung von sorgsam gefertigten Einzelstücken. Einfühlsam betreibt sie die Formung der Objekte aus Ton. Nicht nur die jeweils hervorgebrachte Form, sondern auch der Arbeitsprozess, der Sabine Krusche zu dieser Form hinführt, ist Bestandteil ihrer künstlerischen Konzeption.

Ute Hübner

 

Echolinien und Resonanzformen

Weich gerundete Körper in warmen Farben bestimmen den Raum. Es ist Keramik, Töpferware. Zwischen ihnen und leuchtender Malerei auf Papier spannt Sabine Krusche feine Dialogfäden, die sich berühren. Ihre Farbakkorde und Formen scheinen verwandt. Die keramischen Körper werden von glänzender Haut umschlossen, als seien sie die sichtbar gewordene Substanz der Malerei, die den ruhigen Rhythmen der Gemälde entweicht, um jenseits der Bildfläche ein neues Leben zu entfalten. Ein nahezu surreales Gleichnis, eine zauberhafte Fiktion. Sabine Krusche studierte Bildhauerei in Bremen und Düsseldorf und entdeckte schon früh Keramik als Medium künstlerischen Ausdrucks.

In der fast rituellen Wiederholung ihrer ovoiden Formen hat sie, so scheint es, einen spezifischen Sprachduktus gefunden, ein stilles, doch dramaturgisch ausgeklügeltes Spektakel entwickelt, das den Besucher auf die Probe stellt. Sie verweigert markant das Erzählen, kombiniert vermeintlich Bekanntes mit Unbekanntem und schafft Farbräume, in denen sich das Auge verirrt. Chaos und Ordnung geben sich die Hand, ineinander verschlungene Linien markieren die Grenzen der Abstraktion. Innen und Außen, These und Antithese werden verwoben - in virtuoser Choreographie öffnet sie den Raum.

In einem Vortrag über moderne Kunst verglich Paul Klee 1924 den Künstler mit einem Baumstamm, der aus der Tiefe Kommendes sammelt und dann in die Baumkrone – das Kunstwerk – weiterleitet. Niemand, so Paul Klee, würde vom Baum verlangen, dass er die Krone genau so bilde wie die Wurzel und plädierte damals für die Freiheit der Formen. Schon lange beschäftigt sich Sabine Krusche im „Zwiegespräch mit der Natur“ mit natürlichen Wachstumsabläufen und Strukturen. Dabei geht es ihr weder um eine mimetische Übersetzung des vermeintlich mikroskopisch Gesehenen in die Kunst, noch um eine Nachahmung der Natur. Mit dem Versuch, die Geheimnisse der Natur zu ergründen, erstrebt die Künstlerin eine Neuschaffung, eine Analogie zwischen Natur und schöpferischem Akt. Natur und Kunst unterliegen den gleichen Gesetzen. Ihre Gemälde auf Papier, mit Tusche und Farbstift gestaltet, zeigen scheu suchende Linien, die organische Formen nur andeuten und nicht konkret zu werden wagen. Sie schwingen in zarten Furchen und glühenden Farben, umschließen kapselartige Körper und scheinen der Zeit enthoben. Schwerelos treiben sie im Kollektiv und lassen das Auge nicht zur Ruhe kommen – als bestimmten das Chaos und seine Bündelung die Bildwelt der Künstlerin.

Krusches plastische Arbeiten, ihre keramischen Objekte, scheinen einem Modell zu folgen. Elementare Formen werden in weicher Konturierung fragmentiert, neben- oder ineinander gesetzt. Es sind auf ihre jeweilige Urform reduzierte, oft gefäßartige Körper in klaren Farben – die Materialität der Glasur entspricht den ruhigen Formen. Ihre Gestalt ist schlicht, das Kollektiv ihre Identität. Sie geben sich spröde und rätselhaft. Wichtig ist allein der Ausdrucksgehalt. Fast malerisch kalkuliert Krusche die verführerische Kraft von glatter Fläche und tiefer Furche, spielt mit Licht und Schatten. Vermeintlich geschlossene Körper, in denen, wohl austariert, die Spannung bis zum Äußersten vorangetrieben wird, stehen neben raumdurchlässigen, alle Materialität leugnenden Formationen. Echolinien, Kontraste und Resonanzformen bestimmen ihre Gestalt. Oft bleibt die Darstellung in gitterhaft durchbrochener Materie amorph, die Interpretation offen. In Krusches „Kernen“ und „Zyklen“ konkretisiert sich Natur in zerfließender Unendlichkeit, gemahnt an die Geheimnisse der hinter der sichtbaren Wirklichkeit liegenden Bausteine der Natur. Die Kraft der Natur liegt im „stirb und werde“, unser Wunsch, die Natur, auch unsere eigene, zu konservieren, ist zum Scheitern verurteilt. Ihre Schönheit ist ein Leitbild der Kunst – als könne man dem Verfall die Kunst als sinnstiftende Sphinx entgegenstellen. Nur in der Kunst gelingt es, verlorene Wirklichkeiten als verlorene Schönheit zu konservieren. Krusche erfasst den Lebenskeim mit vermeintlich mikroskopischem Blick. Ihre Tuschezeichnungen gleichen molekularen Landschaften, in denen elastische Zellformen zu monumentaler Größe heranwachsen. Sie drehen sich wie Moleküle und schrauben sich durch die Welt.

Das Zeichnen – eine Tätigkeit, der sie vertraut – ist Quelle ihres Werks, Mittel zur Formfindung. „Ich habe immer gezeichnet“ – so die Künstlerin. Im Spannungsfeld von Werden und Vergehen wird das pulsierende Geflecht von „Osmose“ und „Sonnengeflecht“ als stoffliche Substanz wahrgenommen. Vielschichtige Farbakkorde aus fließender Tusche in Rot, Grün, Gold und Orange absorbieren und zerstreuen das Licht. In serieller Ordnung gerinnen die Formen zu abstrakten Zeichen und spannen auf farbgesättigten Papiergrund ein faszinierendes Netz von Bezügen. Farben dringen ein – tief wie Gerüche. Fliehende, schwingende, kreisende und steigende Formen durchdringen die im Kern abstrakten Kompositionen. Licht öffnet den Bildraum. Es besteht aus Farbe und ist frei nach Klangwerten aufgetragen. Tusche fließt weich über das Papier, dringt ein, bricht auf. Rissige Oberflächen erwecken den Eindruck des Empfindsamen. Alles greift ineinander. Spuren und Blessuren verharren zitternd in vibrierender Spannung. Statisches gibt es nicht - rinnende Zeit, eigentlich ein Charakteristikum der Musik, wird sichtbar.

Den Tuschzeichnungen antworten die zellenartigen Volumina aus Keramik, in denen Krusche das Geheimnis unserer Existenz symbolisch verdichtet. Sie umschließt sie mit Glasuren – „Häuten“, deren Festigkeit und klare Gespanntheit bei aller Fragilität große Kraft suggerieren. Sie nennt sie „Kerne“. Echolinien, Kontraste und Resonanzformen bestimmen die geschmeidig modellierten Objekte. Die Mutterform scheint ein Oval, das sich in vielen Schichten nach Außen wölbt. Durch die Stilisierung der Form und die Betonung der Wölbung erzeugt Krusche eine ganz eigene Monumentalität, die uns den plastischen Körper als Zeichen, als Archetyp erfahren lässt. Krusche „Kerne“ sind vielschichtige Hohlkörper, durch den zwischen ihnen liegenden Raum ebenso aufeinander bezogen wie getrennt. Sie scheinen ihrer Masse und Greifbarkeit entkleidet. Ihre in glühenden Farben gefassten Häute wirken verführerisch glatt, glänzend und vital. Haut filtert, reguliert. Durch die Haut treten wir in Dialog mit der Welt.

Dem Material lässt Krusche „seinen Willen“. Ton ist einer der ältesten Werkstoffe der Kunst. Für Krusche ist der Stoff Substanz, Inspiration und Widerstand, aus denen sich das Kunstwerk formt. Die Künstlerin erliegt, so scheint es, der Faszination des weichen, nachgiebigen Materials im Rohzustand. Formal sind ihr keine Grenzen gesetzt. Krusche schöpft nahezu alle Möglichkeiten des freien Modellierens aus, setzt Gesetze des Volumens und der Statik außer Kraft, knetet, schneidet, sucht und überschreitet Grenzen, stülpt das Innerste nach Außen. Gleichermaßen ziehen sie das Brennen, die Wandlung der Farbe und das Zerspringen der Form als Werkprozesse von großem sinnlichen Reiz in Bann. Feine Vernarbungen, Äderungen und Wachstumsfugen erzählen in malerischer Textur von der Entstehung des Kunstwerks.

„Zyklus“ besteht aus 99 unterschiedlich gerundeten Keramikringen. Manche scheinen deformiert, andere vollendet. Eine gebrochene, wie verblasst wirkende Farbigkeit verleiht ihnen einen eigenen Reiz. Sie scheinen sich malerisch um eine leere Mitte zu formieren. Die Ränder des vielfarbigen Ensembles klingen weich und geschmeidig aus. Krusches Formen und Installationen leben aus der Bewegung und entfalten sich, wie das Leben selbst, von Innen nach Außen.

Grundsätzlich verzichtet Krusche auf Sockel. In einer Art Unordnungspoetik subtil und lose arrangiert, liegen ihre keramischen Objekte mitten auf dem Boden des Ausstellungsraumes - als hätte sie jemand achtlos fallen lassen, als seien sie liegengeblieben. Als könne man sich ihnen voraussetzungslos nähern. Als seien sie keine Kunst. Sondern frei im Raum treibende Zeichensysteme, von gängiger Semantik befreit.

Assoziatives Erinnern wird im zyklischen Werk der Künstlerin verschärft. Erinnerungen sind ambivalent, bringen Vergangenes, Verschwundenes in die Gegenwart zurück, gleichzeitig bezeugen sie das Vergangen-Sein und berichten somit von Vergänglichkeit, von Zeit. In Krusches archetypischen Motiven jedoch bleibt die Erinnerung frei. Die Evidenz der kollektiv in Raum und Malfläche treibenden Körper paart sich mit ihrer Abstraktion, dem Verschwinden.

Ludwig Wittgenstein brachte es auf den Punkt: „Alles, was wir sehen, könnte auch anders sein.“

Ricarda Geib M.A.,
Kunsthistorikerin Stuttgart